Liebe und Magnolien im Frühling

Liebe und Magnolien im Frühling
花籠に皆蕾なる辛夷かな
– 正岡子規 (Masaoka Shiki (1867–1902)

„Hanakago ni / mina tsubomi naru / kobushi kana“

„Im Blumenkorb –
lauter Knospen noch,
die Kobushi-Magnolien.“

Neben vielen anderen Blüten, die in dieser Jahreszeit erblühen, ist die Kobushi-Magnolie 「辛夷」 hier in meiner Nachbarschaft besonders verbreitet, mit vielen Bäumen, die Grundstücke meiner Nachbarn im weiteren Umfeld verzierend. Beeindruckend ist, dass diese Magnolienart erst nach mehreren Jahren anfängt Blüten zu tragen und mit 10 bis 30 Jahren ihre volle Blütenfülle erreicht.

Die Farbe „Weiß“ wird in Japan oft mit dem „Verlassen des Daseins in dieser Welt“ in Verbindung gebracht, aber nicht ausschließlich.

Und so fügt sich diese Magnolie still und leise in unsere von einem inneren Regen getränkten Empfindungen, sowohl an diesem Ostermontag, dem Leiden Christi und seiner Auferstehung, als auch in die Wehmut, den Schmerz und die Trauer dieses so schweren Monats April, ein, in dem sich der noch immer und für alle Zeit „unfassbare, bitterliche und traurige Verlust unserer Lieben in diesem Dasein“ auf ein Weiteres und nimmer vergessen jährt und unsere Herzen in die Verzweiflung stürzt.

Eher unscheinbar, zart und sanft verschwinden die Blüten der Kobushi-Magnolie oft hinter den farbenreichen Pflaumen- oder Kirschblüten des Frühlingsanfangs, die häufig alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Dem freundlichen Blick einer weisen Inspiration folgend, nehmen wir diese Blüten in diesem Jahr jedoch kostbarer und intensiver wahr als zuvor und verbleiben in herzlichem Dank, im Wunsche die Augen anderer Betrachter auf die Schönheit dieser Magnolie zu lenken.

Das Leben bringt in allem Elend doch stets neue Blüten hervor, uns die ewige Schöpfung in Erinnerung rufend, von einer wundersamen Lebendigkeit erzählend und unseren oftmals von Finsternis heimgesuchten Weg in ein kostbares Licht voller Weisheit, Kraft und Aufmunterung tauchend.

„In dem hier zitierten Haiku richtet der japanische Dichter Masaoka Shiki, einer der prägenden Erneuerer der modernen Haiku-Dichtung, den Blick auf einen Blumenkorb voller Kobushi-Magnolien, in dem noch keine einzige Knospe sich geöffnet hat. Und gerade in dieser Zurückhaltung, in diesem Innehalten kurz vor dem Erblühen, liegt die eigentliche, stille Kraft des Bildes verborgen: das ganze Versprechen des Frühlings, unversehrt und in sich ruhend, noch ungeöffnet und doch schon vollständig in sich selbst. So wie die Kobushi-Magnolie erst nach Jahren der Geduld ihre volle Blütenfülle entfaltet, so erinnert uns auch dieses kurze Gedicht daran, dass Schönheit, Liebe und Trost oftmals im Verborgenen reifen müssen, ehe sie sich uns offenbaren. Ob man nun eine persönliche Verbindung zu Magnolien in sich trägt oder einfach nur ihre stille, zurückhaltende Pracht zu schätzen weiß, so öffnet dieses Gedicht doch einen Blick auf die zeitlose Anziehungskraft dieser Blüten – und auf jene Geduld, die jedem wahrhaftigen Erblühen unweigerlich vorausgeht."

Auf das wir den vor uns liegenden Pfad als Menschen mutig, furchtlos und hoffnungsvoll zu beschreiten vermögen, in der Liebe, Fürsorge und im Schutze des Allmächtigen, uns in vielfältigem Antlitz erscheinend, im innigen Wesen aber Quintessenz aller Existenz ist.

R. Rehahn, 01.04.2024...